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Ein Spiegel von bösem Schimmer

Am Römerberg @ Frankfurt am Main; 2011-05-25

Am Römerberg in Frankfurt am Main

Ergriffen von den feierlichen Töne eilte sie an's Fenster, öffnete es und schaute in den Schloßhof hinab, wo die Knechte und Mägde sich aufgestellt hatten, um ihr Lied ertönen zu lassen. Da sah sie, daß sich die Blicke Aller nach dem Balkon auf der entgegengesetzten Seite wendeten und mit Entsetzen sah sie ein Phantom, ganz so gestaltet wie sie selbst, mit ihren Gesichtszügen, im weißen Gewande, eine Lampe in der Hand die Treppe herabsteigen, durch die Reihen der ihr ängstlich Platz machenden Diener schreiten, langsam die Treppe hinaufschreiten und in die Burg treten. Sie folgte der Gestalt wie gebannt mit den Augen und sah sie durch die Scheiben mit dem Lichte in den großen Rittersaal treten. Da konnte sie sich nicht mehr halten, sie mußte wissen, wer den frechen Spuk wage, und eilte im geflügelten Lauf Treppe auf Treppe ab, durch Gänge und Hallen immer der Erscheinung nach, bis sie dieselbe endlich an der Pforte des Schloßarchivs einholte, und ihr Auge legte sie an eine Spalte der verschlossenen Pforte, weil sie drinnen ein Rauschen unter den alten Scripturen hörte. Aber wie geschah mir? So angst mir auch war – ich mußte lachen! Nie sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes! Ich lachte und lachte, während der Fuß mir noch zitterte und das Herz dazu: »hier ist ja die Heimat aller Farbentöpfe!« – sagte ich. Mit fünfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so saßet ihr da zu meinem Staunen, ihr Gegenwärtigen! Und mit fünfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten und nachredeten! Wer von euch Schleier und überwürfe und Farben und Gebärden abzöge: gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu erschrecken. Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte. Dasselbe that genau auch ihre Doppelgängerin an der andern Seite der Pforte, und als sie zurückfährt, tritt auch der Schemen zurück, da faßt sie Muth und tritt ihm entgegen und sieht ihm fest ins Auge und genau so thut auch ihr Spiegelbild, und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel. Dann verschwindet aber die Erscheinung und zerrinnt in die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele, den individuellen Stimmungsduft der Empfängniß, die krystallklare Spiegelung der dämonischen Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom höchsten Jubel, der durch die Würde, die er dem Frevel erteilt, seltsam gegen den semitischen Sündenfallmythus absticht, in welchem die Neugierde, die lügnerische Vorspiegelung, die Verführbarkeit, die Lüsternheit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affektionen als der Ursprung des übels angesehen … Er wollte noch einige Phrasen hinzufügen, verhaspelte sich jedoch und verschlang rasch eine Auster und nie trug sie dieselbe seit dieser Zeit ohne Handschuh.

Für immer eiskalt wie von einer Leiche