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Singend, jauchzend, athemlos

Heusenstamm bei Frankfurt am Main; 2009-04-21

Sonniger Plastiksack in einem kommunalen Abfalleimer mit Lochraster; Foto

Wie sich die Paare beim düstern Schein einer öllampe drehten, das gab ein wüstes und grelles Bild. Neun glänzende Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der höhern mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Welche Fülle von Licht, Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schönheit und Gefallsucht! Die musikalischen Kräfte sind hier so groß, dass z.B. an einem Abend die Zwischenaktmusik vollständig da ist. Es ist dies nur möglich durch die Unzahl von Akzessisten und Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzüglich, aber alle Fächer, auch die des Chors und des Ballettkorps so vollständig machen. Auf dreißig Tänzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel junge, hübsche, talentvolle Mädchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um der Anstalt anzugehören und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen einzurücken.

Die Ordnung ist aufgelöst. Singend, jauchzend, athemlos stürmen die Paare wirr durcheinander hinter dem ersten drein. Vierzehn ausschlagene Tage und Nächte ist geschmaust und getanzt worden, und da hat man über vierzig Paare auf gläsernen Schuhen tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhörtes gewesen. Und die Leute haben sich über die Tänzerinnen gewundert, so anmutigen Tanz haben sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in der Welt, und da hatten sie ja tanzen gelernt. Daher auf der Szene die überraschendste Massenentfaltung. Die Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostüme, der Geschmack der Dekorationen ist aufs höchste getrieben. Da steigen Feentempel aus der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische Grotten von Edelsteinen, da sprudeln natürliche Springbrunnen im Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren Rändern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der Szene ist ganz und vollständig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel der bloßen Andeutung, die an andern Bühnen die Illusion vorzugsweise in die ergänzende Phantasie der Zuschauer legt; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder für die geschmackvollsten Maler neue Leinwand gibt.

Als das Resultat erreicht war, folgten noch mehrere Tänze und Pfänderspiele und wieder Tänze. Dann kam Kuchen und Negus und ein großes Stück kaltes Roastbeef, Fleischpasteten und Bier in überfluß. Und so in einem bachantischen Taumel, mit einem haarsträubenden Aergerniß endet das Prinzenfest der adeligen Donnerstagsgesellschaft anno 92, dem großen Jahre der Revolution. Ich habe ihm ein langes Capitel in meiner Lebensgeschichte gewidmet: es war ja das einzige Mal, daß ich beinahe Rosen getragen hätte.

Alle Schöpfungen immer wieder von vorn