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Ein crystallener Nachttopf die Quelle dieser zauberischen Dämmerung

Silberturm in Frankfurt am Main; 2013-10-22

Lichte Schatten eines Rechner-Arbeitsplatzes mit Plastikflasche; Foto

er befand sich in einem großen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter Zimmet-öl brannte. In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Füßen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschalen und anderm Tisch Geräte versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesem Saale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Türe, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung überglänzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wußte nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Palast hatten ihm ein zerstörtes Schloß angekündiget; das Inwendige schien keinen Zweifel übrig zu lassen, daß es bewohnt sei; und doch sah und hörte er keine lebendige Seele. Er durchging alle diese Zimmer noch einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Türe in den Tapeten. Er öffnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worin die Feerei sich selbst übertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne daß man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstöcken herbei geweht, erfüllten das ganze Gemach, ohne daß man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das Herz in zärtliche Sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett war das einzige Geräte in diesem anmutsvollen Ort. Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen Natur ihn nötigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand würklich ein Gefäß von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, daß es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fing schon an es mit Pomeranzen-Blüt-Wasser zu begießen, als er, o Wunder, das crystallene Gefäß verschwinden, und an dessen statt – eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, daß es unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als der Prinz würklich erschrak. Sie lachte ihn so freundlich an, als ob sie einander schon längst gekannt hätten, und ehe er sich noch aus seiner Bestürzung erholen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker!

Christoph Martin Wieland › Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva [gekürzt]

Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen